Zeit der Wiesel
„Mach mir bitte einen Negroni Sbagliato“, sage ich zu dem Mann hinter dem Tresen. Seine Haare sind an den Seiten auf Millimeter rasiert. Der Scheitel, lang und lockig, fällt ihm immer wieder ins Gesicht. Er trägt ein weißes T-Shirt, so eng, dass es die Stunden im Fitness-Center verrät. Über der Jeans hat er eine lange, schwarze Schürze. Männer sind in den letzten Jahrzehnten durchschnittlich schöner geworden. Kümmern sich mehr um sich und ihr Aussehen.
„Negroni Sbagliato“, sagt er langsam, weich, während er auf einer nachtschwarzen Serviette einen Tumbler platziert. Ich umgreife das dicke Trinkglas. Eiswürfel in dem feurig roten Drink, der im gedämpften Licht der Bar wie flüssiger Rubin zu schimmern scheint, klirren. Ein dünner Streifen Orangenschale, glühend wie ein Sonnenuntergang, steht hervor.
Ich trinke und schließe die Augen. Die eiskalte und bittere Flüssigkeit entfaltet sich auf meiner Zunge und fließt geschmeidig in meinen Körper. Als ich noch am Schreibtisch saß und Verspannung in den Schultern mit Tendenz zu Kopfschmerzen spürte, träumte ich davon: Wohnung verlassen, durch den Augarten flanieren bis zum Ausgang hinter dem kleinen Schloss, die Straße überqueren, um im „Monte Ofelio“ diesen Drink zu bestellen und einen ersten Schluck zu machen.
Ich stehe auf erste Dinge. Auf Anfänge. Hasse es, wenn sie Routine bekommen. Keine Überraschung mehr für mich, den Körper, die Geschmackspapillen. Aber jetzt, jetzt ist es noch neu und ich nehme einen weiteren Schluck. „Ein Rudel Wiesel sei das“, sagte mir hier bei meinem ersten Besuch ein Bartender, als ich mir einen Drink empfehlen ließ. Und beim Probieren nickte ich innerlich: Ja, stimmt, irgendwie wieselig.
Ich hebe das Glas wieder an. „Wie geht das heutzutage?“, höre ich eindringlich laut, fühle mich angesprochen, schaue hin. Eine Frau in guter Armlänge entfernt steht neben mir am Tresen. Würde spontan sagen, eine ältere Frau. Aber wie alt kann sie schon sein? So um die 60. Wie ich. Krass, ist das alt. Sie hat meine Größe, kurze Haare in einem Silbergrau, gebräunte Haut, trägt ein indigoblaues Jeanshemd zur hellen Jeans. Gefällt mir auf Anhieb. Dabei redet sie gar nicht mit mir.
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